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Aus meinem Schatten
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Beitrag vom Freitag, März 24, 2006 @ 21:40

Hier ein sehr schöner Bericht aus der BIZ

Aus meinem Schatten
Tom Müller hat Rosenstolz entdeckt und sieben Jahre lang produziert. Über den Anfang und das Ende einer Freundschaft

Dieses Bild entstand 1993. Es hängt eingerahmt in Tom Müllers Büro
Foto: Promo

Es ist mir selten passiert, daß ich die Zeit beim Musikmachen vergessen habe. Daß so eine innere Ruhe entsteht, weil jeder weiß, was der andere meint. Es ist mir als Produzent mit Anna und Peter von Rosenstolz passiert, auf dem Höhepunkt unseres Schaffens. Wie eine Liebe. Manchmal ist es schwer, sich vorzustellen, daß wir seit vier Jahren kein einziges Wort mehr miteinander reden.



Ich habe mein Leben ganz schön genossen. Damals, 1989. In den Nächten habe ich gefeiert, meine Tage sahen so aus: 80 Gauloises ohne Filter, 40 Tassen Kaffee, 18 bis 20 Stunden Arbeit pro Tag. Bevor ich mich mit einem kleinen Musikstudio selbständig gemacht habe, war ich 20 Jahre lang Chef der Hansastudios, zu diesem Zeitpunkt die größten in Deutschland. Ein Riesengebäude am Potsdamer Platz mit fünf Studios. Wir produzierten David Bowie, Albert Hammond, U2. Aber Ende der Neunziger sah ich, wie die Umsätze langsam sanken, weil alles nur noch von zu Hause aus produziert wurde. Die Hansastudios sind nur noch ein Rumpf, ein einziges Studio ist übrig geblieben.

Also dachte ich, ich müsse allein um so mehr gegen die Produzenten anarbeiten, die den Markt überschwemmten. Es dauerte kein halbes Jahr, da bekam ich meinen ersten Herzinfarkt. Mit 49 Jahren. Es war eine Scheißsituation, in der ich Rosenstolz kennengelernt habe.

Kurz nach meinem Reha-Aufenthalt fiel ich in ein tiefes Loch. Ich war depressiv und suchte nach einem neuen Anfang. In dieser Zeit, sah ich in der Berliner Zeitung ein winziges Bild von Anna. Eine Frau, Mitte 20, die im Stil der goldenen zwanziger Jahre gekleidet war, frivol, mondän, ungewöhnlich. "Ziemlich spritzige Musik, ziemlich verrückt, und sehr erotisch"" stand in der Konzertvorschau darunter und der Name "Rosenstolz". Ich ging hin. Sie traten in der Galerie Bellevue in Tiergarten auf. Aber es kamen nicht mehr als 20 Leute. Das Publikum saß also familiär um die Bühne herum. Und Anna und Peter traten auf. Schon das war ungewöhnlich. Anna zog sich nach jedem Stück Backstage um, man sah manchmal unter der Kleidung Strapse, Pelzkragen und Baskenmütze, Zwanziger-Jahre-Hüte. Peter stand, während sie sich umzog, allein am Keyboard und wußte nicht, was er machen sollte. Ein Dialog zwischen Backstage und Bühne entstand. Vollkommen improvisiert. Es war außergewöhnlich, lustig, dramatisch. Für das Publikum war es ein unglaublicher Abend. Er veränderte mein Leben. Ich glaubte, in Anna das entdeckt zu haben, wonach ich immer gesucht hatte. Bis dahin hatte ich mit Frauen wie Nina Hagen, mit Milva, mit Marianne Rosenberg und Vicky Leandros gearbeitet. Nina Hagen war verrückt und unkontrollierbar. Wenn sie sang, mußte man es immer aufnehmen, denn sie konnte es nicht genauso wiederholen. Sie war spontan genial. Das Gegenteil war Milva, eine Diva, kontrolliert und wunderschön. Sie konnte alles immer wieder abrufen. Aber sie hatte diese Kühle. Anna war genau dazwischen. Sie hatte die Verrücktheit von Nina Hagen und die Beständigkeit von Milva, aber sie war offener. Anna ist in ihrem Wesen bürgerlich. Aber auch verrückt - und das lebt sie auf der Bühne aus, sie strahlt Unnahbarkeit aus. Man stürmt nicht auf die Bühne, um sie zu küssen. Man wirft Blumen. Es ist die Barriere, die einen wirklichen Star ausmacht. Und Anna hat diese Distanz.

Ich wollte die beiden unbedingt sprechen. Aber ich war noch nicht stark genug, um mit ihnen um die Häuser zu ziehen. Ich habe also nur Peter meine Karte gegeben und gesagt, daß ich Nina Hagen produziert hätte, und daß ich mich freuen würde, wenn er anrufen würde. Das erste, was er sagte war, "Übrigens, ich bin schwul". Ich war etwas verwirrt, aber das war wohl für ihn ein Test, wie ein Überfall. Ich antwortete: "Na und?"

Ich habe vergeblich auf einen Anruf gewartet. Nach vier Tagen bin ich unruhig geworden. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, vielleicht hätte ich doch bleiben sollen? Wie finde ich sie wieder? Zehn Tage hat es gedauert, bis sie anriefen. Der Grund dafür war einfach: Sie dachten, ich sei ein Spinner. Erst zu Hause, auf ihren eigenen Nina-Hagen-Platten, haben sie meinen Namen entdeckt und waren dann so aufgeregt, daß sie nicht wußten, was sie tun sollten. Sie warteten also, damit ich mich nicht belästigt fühlte. Wir haben später furchtbar darüber gelacht.

Ich habe zwei Kinder. Mit Anna und Peter wurden es vier. Wir haben fast alle Sorgen, private und berufliche, miteinander geteilt, wir waren offen wie in einer Familie. Es war eine schöne Zeit.

Peter konnte man damals mit dem Wort "lieb" umschreiben. Als ich ihn kennenlernte, wirkte er manchmal so harmlos, so nett zu allen. Ich habe ihm sagen müssen, "du mußt ein bißchen mehr den Stahl zeigen, den du hast". Immer wieder. Er hat früh angefangen, mit einem Personal Trainer seinen Körper aufzubauen. Er ist eitel. Und hoch diszipliniert. Peter kam damals von Braunschweig nach Berlin, um Künstler zu werden, und er suchte eine Sängerin. Er hörte bei einem Freund in Friedrichshain die Stimme von Anna durch die Nachbarswand, so haben sie sich kennengelernt.

Die erste CD, die wir produziert haben, ging voll den Bach runter. Aber wir waren zufrieden. Ich bin zu allen Plattenfirmen gegangen, ich war ein bekannter Mann in der Branche, darum ging ich immer gleich zu den Bossen. Klaus, ein Kollege, mit dem ich Milva-Alben produziert habe, regte sich auf: "Das ist doch Chanson, Theatermusik, und dann singen die auch noch auf Deutsch!" Es war damals nicht die Zeit für deutsche Musik. Es war die Zeit von Madonna. Aber die Art und Weise, wie er mich behandelt hat, so wie mich alle damals behandelt haben, wie einen Idioten, einen Bittsteller, hat mich beleidigt. "Ich schwöre dir, die Gruppe wird groß - und du kriegst sie nie!" habe ich beim Rausgehen gesagt.

Ich hatte 60 000 Mark investiert, und nicht ein Rundfunksender wollte uns spielen. Wir mußten uns etwas überlegen. "Entweder ich mache aus euch Popstars, und ihr werdet in relativ kurzer Zeit Erfolg haben, oder wir gehen den Knochenweg." Sie haben mitgemacht. Sie wollten ihren Weg auch jetzt nicht aus den Augen verlieren. Ich zahlte ihnen 500 Mark im Monat. "Den Rest müßt ihr euch durch Tingeln verdienen." Rosenstolz haben 200 bis 250 Konzerte im Jahr gegeben, sie haben pausenlos gearbeitet. Aber es funktionierte. Sie kamen oft an Orte, wo sie vor vierzig Leuten auftraten, ein halbes Jahr später kamen achtzig. Beim dritten Mal mußten wir einen anderen Veranstaltungsort suchen.

Das erste Konzert im tiefen Osten fand in der Wabe im Prenzlauer Berg statt. Ein Konzertraum für 400 Leute. Wir hatten unendliche Angst, daß es nicht voll wird. Ich kam wie ein Gast zu dem Konzert, zusammen mit meiner Familie. Was wir sahen, war eine Riesenschlange vor der Tür, der Laden war brechend voll. Hinter mir saßen drei Mädchen, die jeden Text mitsangen. Manche der Mädchen trugen Hüte wie Anna.

Es gab immer wieder Tiefs. Es gab Situationen, in denen Anna und Peter nicht mehr weiterwußten und daraus sind wunderschöne Lieder entstanden wie "Wenn du aufwachst", "Süchtig" . . . Es gab ein Ritual, daß wir zweimal im Monat zusammen essen gegangen sind. Da haben wir uns aufgebaut, dadurch konnten wir weitermachen. Diese Treffen haben uns zusammengeschweißt.

Es hat fünf Jahre gedauert, bis Rosenstolz in die Charts kamen und zur deutschen Vorauswahl zum Grand Prix eingeladen wurden. Wir waren erfolgreich. Rosenstolz fingen an, Stars zu werden. Es war in dieser Zeit, auf dem Höhepunkt unseres Erfolges, als ich langsam merkte, daß mir die Spannung fehlte. Je erfolgreicher eine Band wird, desto mehr Leute möchte sie in den Konzerten sehen. Sie verloren immer mehr das, was sie für mich einmal ausgemacht haben. So etwas wie ihre Unschuld. Ich sehe das so. Und das war der Punkt, an dem wir uns trennen mußten. Ich habe das zu oft erlebt in meinem Leben. Wenn man mit Künstlern gut klarkommt, ist es wie eine Explosion der Gefühle, wie eine Liebe und irgendwann kommt der graue Alltag. Wenn man miteinander im Studio sitzt und sich nichts mehr zu sagen hat. Wenn man "macht wie immer". Irgendwann kann der eine den anderen nicht mehr leiden, es werden Sachen gesagt, die nicht gesagt werden sollten und die trotzdem nie vergessen werden. So eine Situation wollte ich mit Rosenstolz nicht haben. Anna und Peter hatten alles gegeben, was sie geben konnten. Ich auch. Ich habe Rosenstolz von 1991 bis 1998 produziert. Ich ging zu Peter und sagte, "du kannst es jetzt genauso wie ich. Mach es. Ich steig aus."

Wir waren weiterhin gute Freunde. Ein Jahr. Zwei Jahre. Wir haben uns noch zu unseren gemeinsamen Essen getroffen. Ich hatte sehr viel Geld investiert, und ich wollte und mußte mal Gewinn machen. Ich hatte die Rechte an den Schallplatten, die ich finanziert hatte und habe dann eine Kompilation von alten Rosenstolz-Stücken herausgebracht, alte Titel, neu zusammengestellt. Wir nannten die Serie "Producers Master Cut". Heute stehen zwei Aktenordner mit Anwaltschreiben im Schrank. Anna und Peter fanden das gar nicht lustig. Sie waren mit den Veröffentlichungen überhaupt nicht einverstanden. Vielleicht, weil sie es nicht leiden konnten, daß ihre Stücke herausgebracht wurden, ohne, daß sie Einfluß darauf hatten. Dabei haben sie das gar nicht nötig. Heute sind sie direkt auf Platz eins in die Charts mit ihrem Album "Das große Leben" eingestiegen. Sie haben nach vier Tagen Platin bekommen.

Ich bin ohne Vater aufgewachsen, ich weiß nicht, was eine übermächtige Vaterfigur ist. Aber vielleicht ist es normal, wenn ich einmal gesagt habe "nun werd' mal ein Mann!" - und dann probiert es derjenige, dem ich es gesagt habe, an mir aus. Ich freue mich ja darüber. Bei meinen Kindern war es auch so, daß sie aus meinem Schatten getreten sind. Das ist wichtig, und nur so wird man eine Persönlichkeit. Aber ich könnte nie wieder mit Peter so vertrauensvoll und ehrlich reden, wie wir das einmal getan haben. Ich habe losgelassen. Es gibt keine Worte mehr zwischen uns. Ich bin mir nur sicher, daß sie an meinem Grab stehen werden.

Aufgezeichnet von: Andin Tegen
Aus der Berliner Morgenpost vom 19. März 2006

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